Integrationsfaktor Radsport: Flüchtling Jaser hofft auf Olympiastart


Von Thomas Juschus, dpa


Nazir Jaser kam 2015 als Flüchtling aus Syrien in die Bundeshauptstadt. Am Sonntag startet der 32-Jährige

bei der Straßen-WM in Belgien. Mit Hilfe vieler Unterstützer aus Berlin träumt er weiter von Olympia.



Berlin (dpa/bb) – Sein Wunsch von einer Olympia-Teilnahme hat sich in diesem Jahr noch nicht erfüllt, aber immerhin geht Nazir Jaser aus Berlin am Sonntag wieder bei den Straßenradsport-Weltmeisterschaften in Belgien an den Start - zum vierten Mal nach 2013, 2017 und 2019. 2015 kam der 32-Jährige mit einer Gruppe syrischer Flüchtlinge in die Bundeshauptstadt, hat hier inzwischen eine neue Heimat gefunden. Insbesondere der Radsport half Jaser dabei, ein neues Leben aufzubauen. Und lässt ihn weiter an seinen sportlichen Traum glauben.

«Für mich spielt Radsport eine große Rolle in meiner neuen Heimat Berlin, da ich durch den Radsport schnell Freunde kennengelernt und mich in die neue Kultur integriert habe», sagt Jaser, der in Syrien mit dem Mountainbiken begann und mit 17 zum Straßen-Rennsport kam. «Radsport gibt mir Selbstbewusstsein und Teamgeist. Und ich habe gelernt durchzuhalten und vor allem Ziele zu erreichen», sagt Jaser, der in Aleppo geboren wurde. 2015, kurz vor seiner abenteuerlichen Flucht über das Mittelmeer bis nach Berlin, wurde er Landesmeister auf Straße und im Zeitfahren.


«Nazir ist ein sehr gutes Beispiel für gelungene Integration und zeigt, wie der Sport Brücken bauen kann», sagt Claudiu Ciurea, seit knapp vier Wochen neuer Präsident des Berliner Radsport-Verbandes (BRV) und ebenfalls mit Migrationshintergrund. Landestrainer Dieter Stein kann sich noch gut erinnern, wie Jaser und seine Fluchtbegleiter im Spätherbst 2015 vor dem Velodrom standen und um Trainingszeit baten. «Nazir ist ein feiner Kerl. Er hat Herzblut für den Radsport, war ein sehr zuverlässiger Fahrer. Vor allem hat er aber sofort versucht, sein Umfeld in den Griff zu bekommen. Er spricht inzwischen sehr, sehr gut deutsch», sagt Stein.


Im vergangenen Herbst hat Jaser eine Ausbildung zum Sport- und Fitnesskaufmann erfolgreich abgeschlossen, arbeitet seitdem beim Landessportbund Berlin im Bereich Veranstaltungen und Internationales. In seinem Verein NRVg Luisenstadt engagiert er sich als Jugendleiter. Nach einem Ausflug 2017 in die Rad-Bundesliga für das KED Stevens Team fährt er aktuell für die Berliner Amateur-Mannschaft «Best-Place Racing». Und seit dem Abschluss

seiner Ausbildung hat der ehemalige syrische Landesmeister auf Straße und Zeitfahren auch wieder etwas mehr Zeit, um zu trainieren.


Bei seiner letzten WM 2019 in Yorkshire stürzte Jaser im Zeitfahren schwer, belegte nur den vorletzten Platz. Das Spezialrad für das 43,3 Kilometer lange Zeitfahren am Sonntag von Knokke-Heist nach Brügge hat er sich bei einem Teamkollegen geliehen. «Ein eigenes Zeitfahrrad ist noch zu teuer für mich», sagt der 32-Jährige. In Flandern möchte er besser abschneiden und sich vor allem mit anderen Fahrern aus Asien vergleichen. «Die

Qualifikation für die Olympischen Spiele in Tokio war aufgrund von Corona sehr kompliziert. In Paris 2024 möchte ich aber dabei sein – das geht am einfachsten über die Asien-meisterschaft. Den Olympia-Traum habe ich nicht aufgegeben», sagt Jaser, der dann am Dienstag wieder zurück zum Dienst beim LSB Berlin sein wird.


https://www.flanders2021.com/en


https://www.instagram.com/nazir_jaser/?utm_source=ig_embed